Freitag
Fünf vor sechs. Hastig fuhr ich meinen Computer herunter und erklärte dem Vertriebsleiter, daß ich heute zeitig aufbrechen müsse: Alle anstehenden Aufgaben sind erledigt, darf ich schon gehen, bittebitte … Dabei wollte ich mir den Dackelblick eigentlich für unseren Auftritt aufsparen! Aber was wirkt, das wirkt. Er ließ mich gehen. Ich hastete die Treppen hinunter, schnappte mir den wartenden Peredar, und dann stürmten wir zum Wagen. Sechs Uhr.
Ich bin ein Freund des vorsichtigen Fahrens, nicht erst, seit ich im vergangenen Winter auf dem Weg zur Arbeit mit einem LKW zusammenstieß und mit Glück unverletzt die Überreste meines Kleinwagens verlassen konnte. Aber an diesem Tag war irgendwie nicht viel davon zu spüren. Denn als wir noch durch die Innenstadt Münsters in Richtung A1 kurvten, wußte ich, daß die FilkContinental bereits begonnen hatte. In dieser Sekunde knuddelten sich bereits vergnügte Filker, und wir hatten noch hundertsiebzig Kilometer vor uns. Ich verfluchte das Semestergeschäft, das mich keine freien Tage nehmen ließ, ich verfluchte, daß ich nicht zumindest den halben Tag freinehmen konnte – doch ich fluchte leise, denn eigentlich bin ich ja sehr froh über diese Arbeit. Letztes Jahr hatte ich es schlimmer erwischt. Und vor zwei Jahren gar keine Arbeit. Trotzdem – es war gut, daß ich nicht fahren mußte.
Wir kamen gut durch, stopften uns während der Fahrt mit Süßigkeiten voll, um keine Rast machen zu müssen. Alle Staus lösten sich auf, bevor wir sie erreichten, als ob der Gott des Verkehrs einmal ein Herz für Filker hätte. Mit Tempo 120 – der Daihatsu Move schafft eine Spitzengeschwindigkeit von 140, bergab, bei Rückenwind – arbeiteten wir uns durch Ruhrgebiet und Sauerland, um bei Siegen von der Autobahn abzufahen. Aber ich war ohne Vorfreude. Zu stressig war der Tag, zu hektisch, zu eng das Auto, zu knapp die Zeit, zu erkältet die Thesilée. Lutschte ein Halsbonbon nach dem nächsten und fragte die ganze Zeit: »Was, wenn wir zu spät kommen? Um halb neun ist Yoohs Spot, wenn wir das nicht mehr rechtzeitig schaffen?« Peredar fuhr mit stoischem Selbstvertrauen. Wir schaffen das. Wir schaffen das. Wir schaffen das …
Und ein wenig freute ich mich ja schon. Weniger auf die Con, mehr auf die Leute. TheaEvanda. Gary McGath. Steve Macdonald. Crystal. Vor allem Crystal, wie in jedem Jahr, seit sie mich in ihren Bann geschlagen hat. Wir schaffen das. Wir schaffen das. Wir schaffen das.
Schlag acht Uhr sollte die Opening Ceremony beginnen, und Schlag acht Uhr rollten wir an der Sieg entlang, auf das Örtchen Freusburg zu. Der Move schaffte es den Berg hinauf, ganz allein, ohne schieben – wie liebte ich ihn dafür! In letzter Sekunde rollten wir auf den Parkplatz der Freusburg.
Und wieder vom Parkplatz, denn dort war alles voll. Und auf dem unteren Parkplatz ebenso. Erst weiter unten im Ort fanden wir eine Parkgelegenheit und waren noch froh darüber. Nicht jedoch, die ganzen Sachen bis zur Burg – bis zum vierten Stock der Burg! – schleppen zu dürfen. Die Gitarre. Die Mandola. Mein Rucksack. Mein Trolley. Peredars Rucksack. Mein Schlafsack – es kann ja kalt werden. Die Schüssel für die Süßigkeiten für die Prereleaseparty. Den Beutel mit dem Reiseproviant… Wir waren zu zweit, und wir schafften es.
Im Burghof härten wir Gesang aus dem Musiksaal dringen, und Gelächter. Wir hechteten in die Burg, mit versiegender Kraft schleppte ich mich und mein Gepäck die Treppen hoch – denn der Aufzug war uns versperrt – legte das Gepäck vor der Musiksaaltür auf einem Tisch ab, und kollabierte in den Raum hinein.
Atemberaubend ist noch ein mildes Wort für den Anblick, der sich uns bot. Franklin, in Strapsen. Anke, im Mieder. Katy, im Schürzchen. Kirstin, im Zylinder. Und Volker – Volker hatte auch irgendwas an. Aber er war nur schwer wahrzunehmen gegen diese Konkurrenz. Franklin in Strapsen – und ich dachte, er wollte als Sailor Moon kommen! Die Musik gehörte zum Time Warp, dem einzigen Tanz, den ich wirklich beherrschte, doch sie tanzten nicht ihn – sie machten die Handbewegungen des Ketchup-Songs und nannten es Hand Jive. Und was ich in diesem Moment noch nicht ahnte: An diesem Wochenende sollte ich die komplexen Gesten zum ersten Mal in meinem Leben begreifen. Und sogar ausführen können. Thesilée erhält die höheren Weihen des Hand Jives – allein dafür ist es wert, dort gewesen zu sein.
Nachdem sich unsere Augen vom ersten Schock erholt hatten, machten wir unsere Freunde in der Menge aus: Esteban mit wild buschigem Haar und Bart, nicht weiter schwer zu finden, denn er stand dirket an der Treppe. Crystals rote Lockenpracht. Gary McGaths Hinterkopf. Tindómerel. Silva und Kjenjo. Phil Alcock. Steve – alle waren sie schon da, und viele neue Gesichter noch dazu.
Leider ist dieser Conbericht ein Fragment geblieben. Aber von unserem Auftritt als Lord Landless in dem Jahr existiert immerhin ein Video, das Draketo vom Publikum aus aufgenommen hat:
