Confluence 2008 in Pittsburgh

Donnerstag

Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, in absehbarer Zeit eine Reise nach Amerika zu unternehmen, und selbst wenn, dann sicher nicht nach Pittsburgh; Pittsburgh, negativ belegt durch ein Zitat aus einem Marx-Brothers-Film: »It’s like living in Pittsburgh – if you can call that living.« Eine Bergbaustadt, schäbig und grau wie das Ruhrgebiet, in dem ich selbst geboren und aufgewachsen bin. Aber das Leben ist unberechenbar, und als Lord Landless von allen Conventions auf dieser Welt ausgerechnet nach Pittsburgh auf die Confluence eingeladen wurden, kann niemand behaupten, dass wir nicht vor Freude an der Decke tanzten.

Die Confluence ist keine reine Filkconvention – es ist eine Science Fiction und Fantasy-Convention, für Fans, Filker und Autoren. Silva schreibt, ich schreibe, und uns war klar, dass von allen Cons auf dieser Welt dies die richtige für uns war. Für die Zusage brauchten wir nicht viel Bedenkzeit.

Ende Juli reisten wir auf getrennten Pfaden an: Silva und Kjenjo flogen ab Hamburg, nahmen ab New York die Route über Land und wollten noch ein paar Wochen Urlaub hinten dran hängen. Ich flog ab Düsseldorf direkt nach Pittsburgh und konnte nach der Con noch ein paar Tage bei Tom und Sue Jeffers verbringen – Tom von Dandelion Wine, der mich auf der Filkcontinental 2007 nach Toronto eingeladen hatte und sicher nicht damit gerechnet, dass ich so schnell darauf zugreifen würde. Aber noch am Tag des Fluges war mir so gar nicht nach Filkcon zumute – denn seit der Zusage im Dezember hatte mich das Leben auf positivste Weise eingeholt, und statt arbeitslos mit Bergen von Zeit im Münsterland zu sitzen, hatte ich plötzlich die ersten sechs Wochen Arbeit als Bibliothekarin in Aachen hinter mir, steckte mitten im Umzug, hatte eine baufällige Wohnung zu renovieren, und und und… Peredar musste zu hause bleiben, Böden schleifen und Wände streichen, und ich, froh, überhaupt zwei Wochen Urlaub bekommen zu haben, entschwand gen Pittsburgh, mit schlechtem Gewissen und ganz übler Flugangst. Aber es gab kein Zurück.

Randy Hoffman, Mitglied des Concoms und selbst begeisterter Filker, holte mich am Donnerstag Abend in Pittsburgh am Flughafen ab. Er hielt ein Schild mit der Aufschrift »Lord Landless«, aber ich hätte ihn auch so erkannt – die Google Bildersuche hatte mir schon im Vorfeld gute Dienste getan. Denn, und daran wagte ich lieber gar nicht zu denken, auf dieser Con kannte ich niemanden außer Silva und Kjenjo, Tom und Sue. Vier Leute, von zweihundertirgendwas Teilnehmern. Ein wenig fühlte es sich an wie meine allererste Filkcon… Aber Randy holte mich am Gepäckschalter ab, und ich war plötzlich überhaupt nicht mehr unsicher oder ängstlich, nur noch etwas müde (es war acht Uhr abends nach Pittsburgher Ortszeit, doch für mich bestimmt schon vier Uhr in der Frühe), und ich unterhielt mich prima mit ihm, über die Geschichte des Bergbaus, Brettspiele, Bibliothekswesen, und Kinderfernsehen. Dabei wurde ich nur immer müder und müder, aber Randy meinte es gut mit mir, zu gut. Er verpasste mir noch eine Stadtrundfahrt, weil ich doch während der Con nichts mehr von Pittsburgh sehen würde, und ich musste meine Vorurteile über diese Stadt doch sehr revidieren. Ähnlich wie man das Ruhrgebiet nach dem Ende des Steinkohlezeitalters zur Kulturhochburg ausgebaut hat, wurde auch diese ehedem schäbige Stadt in den vergangenen Jahren zu neuem Leben erweckt. Ich war zu müde, um auch nur zu realisieren, dass ich meinen Fotoapparat irgendwo im Rucksack vergraben hatte und nicht dran kam, aber es war doch sehr eindrucksvoll – erst nur Vorort über Vorort, viele Brücken, mehr Vorstadt und nichts, was irgendwie nach Großstadt aussieht – und dann ein Tunnel, und dahinter ist man plötzlich downtown. Pittsburgh ist die einzige Stadt auf der Welt, die eine Eingangstür hat.

Die Stadtrundfahrt wurde dann noch etwas länger, denn Greg, das Concommitglied, bei dem ich übernachten sollte, war nicht zu hause – er konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand bei ihm übernachten wollen würde, wo sie doch keine Klimaanlage im Haus haben (ich erklärte im Verlauf der folgenden Tage verschiedensten Amerikanern, dass ich tatsächlich ein Leben ohne Klimaanlage nicht nur aus umweltschutztechnischen, sondern auch Gründen der Bequemlichkeit bevorzuge). Aber irgendwann, für mich gegen sieben oder acht Uhr in der Früh und gut vierundzwanzig Stunden nach dem Aufstehen, kam auch dieser Tag für mich zu einem Ende, und ich schlief wie ein Stein.