Confluence 2008 in Pittsburgh

Freitag

Am anderen Morgen war Randy fort, und ich fand mich allein unter Fremden – Greg und Dave vom Concom, keine Filker, und sie wussten über mich ebenso wenig wie ich über sie, aber sie luden mich zum Frühstücken ein. Das tut man in den USA wohl bevorzugt aushäusig: Wir fuhren zum Eat’n’Park, einer da-muss-man-gewesen-sein-sonst-war-man-nicht-in-Pittsburgh-Lokalität, und ich begegnete meinem ersten authentischen amerikanischen Frühstück: Eier. Speck. Toast. Soweit noch normal – ach ja, und Bratkartoffeln. Zum Frühstück. Bratkartoffeln. Es war lecker, und natürlich überaus sättigend. Was praktisch war, denn das sollte meine einzige Mahlzeit für diesen Tag bleiben.

Während des Frühstücks fand ich mich abrupt und unvorbereitet im Wahlkampf wieder: David trug nicht nur einen großen Obama-Button, sondern spannte mich gleich voll ein. Wie ich es denn gefunden hätte, dass Obama am Vortag in Berlin vor 200.000 Leuten geredet hätte… Äh… Hatte er? Ich wusste, dass er es wollte, aber als es geschah, befand ich mich mitten über dem Atlantik. Ich hatte keine Ahnung, ob nun 20 oder 200.000 Menschen gekommen waren – aber ich erklärte geduldig die deutsche Volksseele unter besonderer Berücksichtigung von Sensationslüsternheit, die Vorteile des Verhältniswahlrechts im Vergleich zum amerikanischen System und die Risiken, die das deutsche Koalitionssystem mit sich bringt… Ich war erstaunt über all die Fachvokabeln, mit denen ich da jonglierte und von denen ich nicht mal wusste, dass ich sie kannte, aber ich denke, ich habe die Bundesrepublik während dieses Frühstücks würdig vertreten. Und ich war doch sehr erleichtert, dass ich es, wenn auch nicht mit Filkern, dann doch zumindest nicht mit Bushanhängern zu tun hatte. Und kam zu dem Schluss, dass wir es doch sicher wagen konnten, das böse-politische Lied »Paranoia« in unserem Konzert unterzubringen, ohne gleich ausgewiesen oder, schlimmer noch, ausgebuht zu werden.

Unter andauernden politischen Debatten erreichten wir schließlich auch das Hotel, ein Luxusbau mit lächelndem Portier, der mir zusammen mit der Keycard einen fettigen, lauwarmen Riesenkeks überreichen musste, weil es der besondere Service dieses Hauses so vorschreibt (auf dem Zimmer fand ich auch einen Fragebogen zur Qualitätssicherung, bei dem der Erhalt dieses Cookies auch explizit abgefragt wurde). Was ich noch nicht fand, waren Silva und Kjenjo – die wollten im Laufe des Tages per Auto eintreffen – dafür aber amerikanische Riesenbetten und einen Fernseher. Ich merkte, wie erschöpft ich war (noch von der Reise? Oder vom Frühstück? Oder von den politischen Exkursen?), also belegte ich das eine Bett mit Beschlag, schaltete den Fernseher ein und sah die nächsten zwei oder drei Stunden lang (die Convention begann erst um vier Uhr Nachmittags) amerikanische Gerichtsshows: Divource Court, Judge Joe Brown, Judge Hatchett… Letztere war meine Favoritin. Ich frage mich, ob das auch in Deutschland eine Chance hätte: Richterin Hackebeil… Und so verdöste ich den Nachmittag, bis es an der Zeit war, hinunter zu schleichen und die Opening Ceremony anzusehen, auch ohne Silva und Kjenjo.

Doch hier sollte ich den ersten großen Unterschied zwischen der Filkcontinental und der Confluence lernen: Es gab hier keine Opening Ceremony. Es gab nicht einmal einen Zeremonienmeister wie Franklin. Man kam rein, meldete sich an, bekam seinen Badge und ging seines Weges, besuchte diesen Workshop oder jenen Filkspot oder schwätze mit ein paar Leuten, alles sehr locker – und fremd. Ich hatte gehofft, auf einer Eröffnungsveranstaltung dem Publikum vorgestellt zu werden, damit ich danach mit interessierten und/oder interessanten Leuten ins Gespräch kommen konnte – so war ich nun auf mich allein gestellt, und das ich, feigster Filker unter der Sonne! Während ich noch meiner Spezialdisziplin, dem Grübeln, nachging, entdeckte ich plötzlich in der Warteschlange vor der Anmeldung vertraute Gesichter: Tom und Sue, meine Anschlussgastgeber. Große Freude auf allen Seiten, und nun hatte ich auch endlich jemanden, der mich mit den anderen bekannt machen konnte!

Noch eine Anmerkung: Obwohl die Confluence, wie erwähnt, eine Con für Autoren wie für Musiker war, und obwohl in der Teilnehmerliste Namen standen wie Susan Dexter oder Tamora Pierce, deren Bücher ich gelesen hatte und die ich sicher gerne einmal getroffen hätte, kam ich für die folgenden zwei Tage nicht aus den Filkerkreisen hinaus. Das war, was die Autorensachen anging, schade – aber ich hätte wirklich nichts gewusst, was ich dafür gerne im Filk verpasst hätte. Tatsächlich leben auf dieser Con die Filker in ihrem eigenen kleinen Mikrokosmos, sie haben einen grundsätzlich schönen, aber per Klimaanlage frostkalten Raum, in dem tagsüber die Konzerte und nachts die Zirkel stattfinden. Und so war es für uns, trotz der zweihundertirgendwas Teilnehmer, eine sehr persönliche und gemütliche Convention, die ich jedem Überseeanfänger nur allerwärmstens ans Herz legen kann: Waren es anfänglich mit wenigen Ausnahmen Fremde für mich, verließ sie doch als eine Gruppe guter Bekannter und Freunde, die zufällig auf einem entlegenen Kontinent leben.

Es waren zu viele tolle Leute, um jeden von ihnen einzeln vorzustellen, aber ein paar muss ich doch ganz besonders hervorheben: Angefangen mit der göttergleichen Judi Miller, einer der außergewöhnlichsten Musikerinnen, die ich jemals die Freude zu treffen hatte. Judi dolmetscht Filksongs in Gebärdensprache. Wobei »Dolmetschen« nicht ganz korrekt ist: Sie singt für Gehörlose, mit ihren Händen, ihrem Gesicht, ihrem ganzen Körper, durch und durch Musik, ohne dass sie auch nur einen Laut von sich gibt. Es ist eine überirdische Anmut in ihren Bewegungen, dass ich mich stellenweise zwingen musste, nicht unentwegt auf sie zu starren, sondern auch mal auf die eigentlichen Musiker zu achten. Und das faszinierendste für mich war, dass ich sie verstand. Ich hatte noch nie zuvor amerikanische Gebärdensprache gesehen – aber ich verstand sie, intuitiv, zumindest vieles davon, und wenn ich bei einem Lied Probleme hatte, dem Text zu folgen, half mir ein Blick auf Judi immer weiter. Als Judi mich fragte, ob sie uns bei unserem Konzert begleiten durfte, habe ich ohne zu zögern (und ohne weiter auf Silva und Kjenjo zu warten) zugesagt. Natürlich durfte sie! Und wie! Die arme Frau, sie hat das ganze Wochenende über geschuftet. Bestimmt bei der Hälfte aller Konzerte war sie mit von der Partie, immer in Bewegung, immer in Musik, und wie sie es schafft, ein ihr wildfremdes Lied sofort zu erfassen und nicht nur inhaltlich, sondern auch von der Stimmung her perfekt umzusetzen, soll ihr Geheimnis bleiben. Und auch dass sie selbst eine wunderschöne Singstimme hat, wissen nur die wenigsten: Ich hatte die Ehre, sie am Samstag Abend im Filkzirkel zu hören.

Auch die ersten beiden Konzerte am Freitag waren lohnend: Dave Wells, von dem ich noch nie gehört hatte, machte ziemlich gute, ziemlich unfilkige Musik zu ungewöhnlichen Themen und mit guten Texten – ich habe mir seine CD gekauft, als ich hörte, dass er ein Lied über den legendären Verbrecherjäger Eliot Ness geschrieben hat, über den ich erst kurz zuvor einige interessante Artikel gelesen hatte. Also, keine Drachen oder Raumschiffe, nichts spektakuläres, aber wirklich gute Musik.

Der andere war Lawrence Dean, ein Engländer, dessen erste CD ich mir schon vor sieben Jahren gekauft hatte (worauf er sinngemäß mit »Ach, du warst das?« reagierte): Zweifelsohne ein großer Gewinner der Confluence, denn er war vor ein paar Jahren Featured Filk Guest, so wie wir in diesem Jahr, aber für keinen von Lord Landless war es ein so nachhaltiges Erlebnis wie für Lawrence, denn während seines Ehrengastkonzerts saß eine Frau im Publikum und war fasziniert von seinem Gesang, und danach kamen sie ins Gespräch… Mittlerweile sind die verheiratet, leben gemeinsam in England, aber die jährliche Confluence lassen sie sich nicht nehmen, und das kann ich verstehen. Ich sollte noch erwähnen, dass mir Lawrence ganz ausgezeichnet gefallen hat, wir sollten ihn wirklich mal nach Deutschland locken, weit hat er es nun wirklich nicht…

Ich dagegen habe es unterlassen, mit irgendwelchen schmucken Amerikanerinnen oder Amerikanern anzubandeln, und es ist wirklich bedauerlich, dass Peredar all das verpassen musste Und wo wir beim Thema ‘verpassen’ sind: Silva und Kjenjo waren immer noch nicht da. Es gelang mir, Randy aufzutreiben – der, wie üblich für Mitglieder des Concoms, ständig rotierend wie ein Brummkreisel von einem Ort zum anderen düste. Ich war schon ein wenig in Sorge – wer mich kennt, weiß, wie gut ich darin bin, mir schreckliche Schicksale vorzustellen, die einem armen Reisenden widerfahren konnten: Und Pennsylvania, über und über bewaldet, bot viel Projektionsfläche für solche Phantasien. Aber als die beiden dann endlich auftauchten, draußen war es schon finster, und der Filkzirkel hatte längst virtuelle Leuchtfeuer für die Verschollenen angezündet, war es dann doch nur halb so gefährlich. Dr. Seti, der Filker, bei dem sie übernachtet hatten, wollte sie erst kaum gehen lassen (»Wartet, ein Lied noch!«), und hatte dann, schließlich ist Silva sehr an der Natur interessiert, ihnen die ‘Scenic Route’, die landschaftlich schöne Strecke quer durch die pennsylvanischen Wälder beschrieben. Die, unnötig zu erwähnen, ungefähr fünfmal so lang ist wie der Motorway. Aber reizvoll. Außer bei pechschwarzer Dunkelheit…

Große Wiedersehensfreude, noch ein Stündchen oder zwei im Filkzirkel, dann ab ins Bett. Oder so ähnlich – denn die amerikanischen Betten stellten uns vor eine Herausforderung ähnlich der Prinzessin auf der Erbe. So viele Schichten an Decken, Laken, Matratzen, dass wir kaum wussten, wo denn nun der Mensch hinmuss… Ich schob mich, unwillens, dieses Kunstwerk zu zerstören, zwischen zwei Laken und fühlte mich für den Rest der Nacht wie eine ägyptische Mumie, die man in eine Zwangsjacke gesteckt hatte.