Confluence 2008 in Pittsburgh

Samstag

Den anderen Tag ließen wir ruhig angehen (nachdem ich mich einmal aus dem Bett befreit hatte und zugeben musste, dass ich gut ausgeschlafen und erholt war) mit einem ausgedehnten amerikanischen Frühstück beim Diner um die Ecke. Mehr Bratkartoffeln für mich, Unmengen an Fleisch, Speck und Würstchen, das Ganze ertränkt in Sauce Hollandaise – es sollte schließlich wieder bis zum Abend vorhalten – dazu ein phantastischer Vanille-Eiskaffee. Für Silva und Kjenjo sah es weniger gut aus: Denn wer Wert auf gesunde Ernährung legt oder gar noch Vegetarier ist, hat schlechte Karten in einem amerikanischen Diner, das von Truckfahrern favorisiert wird. Und da die beiden schon ein paar Tage im Land waren, hatte für sie der Reiz der fremdländischen Kost schon arg nachgelassen und war einem lästigen Gefühl der steten Verfettung gewichen (ich habe es nicht gewagt, mich seit meiner Rückkehr auf eine Waage zu stellen, aber es sollte noch so einige amerikanische Frühstücke für mich geben!). Unsere Bedienung war Donna, und für mich wirkte sie direkt einer Fernsehserie entsprungen, so künstlich war ihr Dauerlächeln und der süße Tonfall, mit dem sie einen jeden von uns mit ‘Darling’ anredete – sie tat mir Leid. Ihre Arbeitsbedingungen möchte ich nicht teilen müssen. Aber vielleicht tue ich ihr auch unrecht, und sie ist einfach so, ohne dass man sie dazu zwingen muss? Wie auch immer, als wir den Diner verließen, war ich oft genug Darling genannt worden, um für zehn peredarfreie Tage vorzuhalten.

Zurück im Hotel, verbarrikadierten wir uns erst einmal in unserem Zimmer, um zu proben – nur ein Durchlauf, nichts schlimmes, alles klappte wie geplant – und ich zeigte Silva und Kjenjo den Zettel, den ich in meinem Gitarrenkoffer gefunden hatte: Eine Erklärung des amerikanischen Amtes für Heimatschutz, dass man die Gitarre durchsucht hatte, wegen pauschalen Terrorverdachts. Ach ja, und wenn ich den Koffer abgeschlossen hätte, wären sie gezwungen gewesen, ihn aufzubrechen, und nein, dafür sind sie nicht haftbar zu machen, aber auf ihrer Webseite finde ich Informationen, wie ich mein Gepäck beim nächsten Flug korrekt verpacken kann, vielen Dank… Nur eine kleine Schikane von vielen. Meine Mandola musste, gepolstert mit Unmengen von Wäsche (ungefähr dreimal soviel, wie ich für die zehn Tage Urlaub brauchen konnte) im Inneren eines Hartschalenkoffers reisen, weil ich nur zwei größere Gepäckstücke mitführen durfte und die Mandola nicht, wie ursprünglich geplant, ins Handgepäck nehmen darf. Terrorismusverdacht: Das Instrument hat Stahlseiten, die sich als Garotten missbrauchen lassen, um den Piloten zu töten und das Flugzeug in meine Gewalt zu bringen… Oh ja, wir würden an diesem Abend »Paranoia« singen. Und wir wussten wohl, warum. Unterm Strich ist es erstaunlich, dass sie uns dann doch so anstandslos in ihr Land gelassen haben, ohne auch nur zu fragen, wie viele von unseren CDs wir denn nun genau über die Grenze schmuggeln wollten – aber wen interessiert noch Schmuggel, wenn es um den Kampf gegen den Terror geht?

Wir verpassten leider das eine oder andere Konzert während der Probe, und auch von den Workshops habe ich nicht viel mitbekommen – bei dieser Con fand auch alles irgendwie gleichzeitig statt, ich hätte mich mehrteilen müssen, um alles zu sehen und gleichzeitig noch Schlaf und Essen zu bekommen! – aber ein paar Sachen durften wir uns dann doch nicht entgehen lassen, darunter Sassafrass und Dr. Seti.

Letzteren habe ich bereits früher erwähnt: Der freundliche Gastgeber, der Silva und Kjenjo am Vortag mitten in die pennsylvanischen Wälder geschickt hatte, war nun selbst angekommen. Er ist Professor für Astronomie, ehemaliger NASA-Wissenschaftler und Mitbegründer des Seti@Home-Projekts. Und davon handelten auch seine Lieder: Sterne, Außerirdische, Seti. Manches davon trage ich noch immer als Ohrwurm mit mir, aber das ist nicht schlimm: Auf seiner Webseite hat der Gute Doktor alle Texte mit Noten zum Nachsingen, und zum Teil auch mit MP3s. Sehr empfehlenswert, vor allem für Leute, die gerne Filk mit Bildung verbinden, und man merkt, dass dieser Mann wirklich weiß, wovor er singt. Zum Glück singt er keine Wegbeschreibungen!

Bei Sassafrass dagegen ist es schon mal schwieriger, den Texten zu folgen: Wenn verschiedene Gruppen accapella gegeneinander singen, ist man viel zu beschäftigt mit staunendem Genießen – ich zumindest habe erst hinterher festgestellt, dass ich kaum ein Wort verstanden hatte, und wenn doch, dann aus Judis Zeichensprache, die mit der einen Hand die eine Stimme, mit der anderen den Gegenpart begleitete. Accapella also, das klingt erst einmal nicht so spektakulär, schließlich kennen wir alle den NMC und haben unseren eigenen jährlichen Filk-Chor. Aber Sassafrass spielen da irgendwie in einer anderen Liga. Es ist eine Gruppe von gefühlt vierzig jungen Frauen (die Anzahl variiert zwischen ihren zwei CDs und ihrer Webseite), von denen fünf auf der Confluence waren. Sie singen seit Unizeiten zusammen, und dass sie alle einen akademischen Hintergrund haben, merkt man ihnen wohltuend an – die Gespräche mit ihnen habe ich mindestens so sehr genossen wie ihre Musik, und da auch noch (mindestens) zwei von ihnen wie ich Bibliothekarinnen sind, hatten wir keinen Mangel an Gesprächsstoff zu beklagen. Ich hoffe inständig, dass sie es eines Tages nach Deutschland schaffen und bin auch gerne bereit, die ganze Gruppe (alle hundertachtzig, wenn es sein muss) in meiner Wohnung unterzubringen. Darüber hinaus teilen wir auch noch ein Interesse an der nordischen Mythologie, Schwerpunkt Loki, und sind Rollenspielerinnen – Sassafrass, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte, waren für mich die Entdeckung schlechthin auf dieser Con, und sind ein Grund, bei nächster Gelegenheit wieder in die USA zu fliegen (na ja, ein Grund von vielen…).

Unser Konzert fand am Abend statt, zur besten Sendezeit und auf der besten Bühne – das ist einer der Vorteile, Featured Ffilk Guest zu sein. Insgesamt gibt es drei Sorten von Ehrengast auf der Confluence: Joe Haldeman war Guest of Honor, Kathryn Cramer war P. Schuyler Miller Critic Guest, und wir eben der Featured Filk. Die Panels, Auftritte oder Konzerte dieser Ehrengäste finden immer auf der großen Bühne statt, und ohne dass irgendwelche anderen Programmpunkte zeitgleich stattfänden – so dass wir die Ehre hatten, auch eine Menge von Nicht-Filkern im Publikum zu haben. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass wir die beiden anderen Ehrengäste leider über unseren Vorbereitungen verpasst haben; zumindest mit der SF-Autorin Kathryn Cramer konnte ich mich hinterher noch ein wenig unterhalten, Joe Haldeman habe ich dagegen nie zu Gesicht bekommen.

Um unserem Publikum auch optisch etwas bieten zu können, habe ich vor dem Auftritt die Bügelstation in unserem gut ausgestatteten Hotelzimmer genutzt und unsere Kostüme – geschmacksvolle Gewänder in Rot- und Violetttönen – auf Vordermann zu bringen, auch die Gitarren wurden auf Hochglanz poliert, und dann ging es runter zum Soundcheck. Dabei konnten wir noch die zweite Hälfte des Theaterstücks sehen: Ein fester Programmpunkt der Confluence ist, dass die Pittsburgher SF-Community ein Stück aufführt. Dieses hieß »So long, Doctor Sarcophagus«, und Randy Hoffman machte in der Titelrolle als außerirdischer Fernsehmoderator eine außerordentlich gute Figur – als ich ihm hinterher sagte, er hätte mich an Peter Lorre in »Arsen und Spitzenhäubchen« erinnert, war er sichtlich geschmeichelt, und es stellte sich heraus, dass wir da auch einen Lieblingsschauspieler gemeinsam haben. Unser Konzert kam direkt im Anschluss, und es trug sehr zur Atmosphäre bei, dass Randy bei der Anmoderation nicht nur noch den wallenden schwarzen Umhang des Doctor Sarcophagus trug, sondern auch noch sein drittes Auge auf der Stirn hatte. Und auch der schwarz verhangene Bühnenhintergrund mit Totenschädeln und Spinnweben war wie geschaffen für eine Lord-Landless-Show.

Ja, und dann waren wir dran. Kjenjo stellte uns, vom Spickzettel ablesend, in gebrochenem Englisch mit heftigem Akzent vor, danach machten wir in unserem besten Englisch weiter (und waren wohl so überzeugend, dass uns Joe Haldeman in seinem Blog hinterher als Briten bezeichnete, was ich als Kompliment auffasse). Rund anderthalb Stunden Programm sollten wir vorbereiten, ungefähr, darf auch gerne mehr sein: Am Ende spielten wir gut zweieinhalb Stunden, und es war phantastisch. Keine Spur von Angst oder Unsicherheit, Müdigkeit oder Erschöpfung: Wir hatten ein wunderbares Publikum, das gut mitging, an den richtigen Stellen lachte und sogar mitsang, obwohl wir immer gehört hatten, dass das amerikanische Publikum deutlich weniger sangesfreudig sein sollte als das deutsche. Aber wenn man sie ermutigt, machen sie jeden Spaß mit.

Zwischendurch flirteten wir mit Pete, dem Tontechniker, der fortwährend über uns fluchte: Dauernd umbauen, Instrumente wechseln, Bäumchen-Wechsle-Dich auf der Bühne spielen… In Wirklichkeit hatte er sichtbar Spaß, und wir taten unser Bestes, um uns gegenseitig zu foppen.

Wir lieferten einen Rundumschlag unseres Repertoires: Böses, witziges, trauriges, mehr böses. Bei Instrumentwechseln zwischen den Stücken unterhielt ich das Publikum mit Wortspielen und Anekdoten, während Kjenjo und vor allem Silva die Lieder selbst mit irrwitzigen Pantomimen und schauspielerischen Einlagen aufpeppten. Bei »Daffodil the Highwayfairy« schwang sie ihren Glockelspielklöppel wie einen Degen, zu »Paranoia« kroch sie in eine Papiertüte – bei diesem Haufen an kommödiantischem Talent ist es schon fast ein Jammer, dass sie immer so ernste Balladen schreibt, aber die waren auch wichtig, um Zwischendurch wieder zu Atem zu kommen: Man kann nicht zweieinhalb Stunden lang lachen, sonst hört es auf, witzig zu sein.

Sogar eine Handvoll deutschsprachiger Lieder packten wir in unser Programm: Wenn schon, denn schon, und wenn ich irgendwo einen fremdsprachigen Ehrengast hätte, wäre ich enttäuscht, wenn der nicht zumindest ein paar Lieder in seiner Muttersprache dabei hätte. Alles wurde begleitet von Judi Millers Gebärdensprache, auch die deutschen Texte: Ich hatte ihr vorher grobe Übersetzungen aufgeschrieben, und Judis Deutsch ist gut genug, um den Texten zu folgen und zu wissen, an welcher Stelle der Übersetzung sie gerade war. Das Publikum lachte, als ich empfahl, bei Verständnisproblemen einfach auf Judi zu schauen, aber es war mir ernst; ich wusste schließlich schon aus dem Selbstversuch, dass es funktioniert (es war nur ein Jammer, dass wir selbst so wenig von Judi sehen konnten – nur ab und an konnte ich sie im Augenwinkel erhaschen und genießen).

Ohnehin hat es uns sehr überrascht, wie viele der anwesenden Amerikaner zumindest ein paar Brocken Deutsch beherrschten oder schon einmal in Deutschland gewesen waren: Bei allen Vorurteilen über ungebildete Amis und die Erfahrungen, die ich 1994 auf einer Reise nach Illinois gemacht hatte (man zeigte mir einen Kühlschrank und fragt mich, ob es so etwas auch in Deutschland gäbe, oder fragte mich, ob das mit der angekündigten Wiedervereinigung denn stimmte), verfügt das durchschnittliche Publikum einer Science-Fiction-Convention doch über ein anderes, deutlich gehobenes Bildungsniveau. Und als wir dann den »Fairy King« sangen, unsere Übersetzung des Erlkönigs, ging ein begeistertes Raunen durch den Saal: So viele wussten, wer Goethe war, und kannten das Gedicht selbst aus Schule oder Studium. Am Ende bekamen wir stehende Ovationen, was, wie man uns hinterher sagte, keine Selbstverständlichkeit war. Und wir, völlig erschlagen vor Begeisterung, zerlegten zusammen mit dem Concom die Bühne und bauten die Technik ab, bevor wir uns noch für ein Stündchen oder zwei in den Filkzirkel begaben.