FilkContinental 2003 auf der Freusburg

Freitag

Gemischter Gefühle saß ich in der Bahn, auf dem Weg zu meiner fünften FilkContinental. Alles war so anders in diesem Jahr – erstmals fuhr ich allein, erstmals mußte ich viermal umsteigen. In diesem Sommer war ich von Köln ins Münsterland gezogen, mit weitreichenden Folgen für meine Musik. Plötzlich wohnte Silva zweihundert Kilometer entfernt – zu weit für eine regelmäßige Probe. Dieses Jahr sollte daher meinen ersten Soloauftritt mit sich bringen – etwas, das ich mir schon immer gewünscht und zugleich gefürchtet hatte.

Dieses Jahr … beinahe hätte es in diesem Jahr keine FilkContinental für mich gegeben. Warum? Weil ich mich beinahe nicht angemeldet hätte. Im letzten Jahr hatte ich unfröhlich herumgesessen und mehr an meine quälende Arbeitslosigkeit gedacht als daran, daß ich dort war, um mich zu vergnügen. Und ich wußte nicht, ob ich mir eine weitere Con auf der Burg würde leisten können … Ich meldete mich auf der Con nicht 2003 an, und ich ließ mehr als ein halbes Jahr verstreichen, bis ich es dann doch tat. Arbeitslos bin ich noch immer, aber ich habe mich einigermaßen damit abgefunden, und wie sich herausstellte, war ich nicht die einzige. Offenbar war jeder zweite Filker, mit dem ich sprach, ein Kollege von mir. Den einen Con sollte ich mir aber noch leisten können … Ich kam mit gemischten Gefühlen, und ich kam, um Heather Alexander zu sehen.

Heather Alexander – der Ehrengast. Heather Alexander, von der ich zwar nur wenige Stücke kannte – allen voran Black Unicorn – aber was ich kannte, bewunderte ich zutiefst. Während ich im Zug saß, dachte ich noch, ich käme nur ihrzuliebe … und natürlich, um Steve wiederzusehen, Steve Macdonald, der mich 2001 mit dem World Dream Project in seinen Bann geschlagen hatte … und dann natürlich Crystal. Ich hatte mehr als vier einsame Stunden für derartige Gedanken.

Katy holte mich, wie per Email besprochen, am Bahnhof ab und fuhr mich hoch zur Freusburg. Außer mir stieg niemand aus dem Zug. Ich freute mich, Katy wiederzusehen, war aufgeregt und plapperte wie ein kleiner Wasserfall, aber das schien ihr nichts auszumachen. Gut, sie kennt mich inzwischen seit vier Jahren, und ich habe immer schon geplappert. Wir kamen bei der Burg an, ich begrüßte Steve, ich begrüßte die Orga, Kirstin und Volker und Anke, nur Franklin sah ich nicht – es war noch früh am Nachmittag, und es waren noch nicht viele Gäste außer mir da. Aber während ich noch eincheckte, trudelten sie ein – Tindómerel, die mich sogleich mit Beschlag belegte und mir das Versprechen abnahm, daß ich Die Quelle singen würde, auf Deutsch natürlich. Ich erinnerte mich sogar daran, daß sie immer kurz vor der Con Geburtstag hat, und gratulierte ihr. Ich hoffe, sie wußte es zu würdigen – für gewöhnlich habe ich ein Gedächtnis wie ein Nudelsieb, wenn es nicht gerade um Liedtexte geht. Dann die Neulinge – Mennon, Tania, Peredar. Wieder Leute, die im Endeffekt durch mich eingeschleppt wurden, wie weiland Silva und im Jahr darauf Syl. Mennon und Tania kenne ich seit Jahren, gute Freunde und gute Rollenspieler, aber über keinen freute ich mich so sehr wie über Peredar, meinen Freund, der leider im fernen Aachen wohnt und den ich demzufolge viel zu selten sehe.

Ich bezog mein Zimmer, wieder im Wildgehege, diesmal bei den Füchsen. Peredar war bei den Schnecken, wie entwürdigend! Wir fragten uns, was Schnecken denn im Wildgehege zu suchen hätten, zwischen Füchsen und Mardern, und ich meinte: »Na, irgendwas müssen die Füchse schließlich fressen«, und Peredar floh. Auf meinem Zimmer waren noch Shyane und drei Newbies – Larperinnen mit perfekter Gewandung und dementsprechend riesigem Gepäck. Ohnehin waren viele neue Gesichter da – Leute, die gekommen waren, um Heather zu hören plus die ‘Groupies’ von Fiacha, aber dazu später mehr.

Beim Abendessen traf ich dann auch die anderen, auf die ich mich so sehr gefreut hatte – Crystal und Eva, die J’s (C.J. und A.J.), Shyane, Aryana, die Kinders, Silva und Kjenjo, und und und … Plötzlich begriff ich, wie viele gute Freunde ich durch den Filk gefunden habe, und daß ich nicht bloß wegen Heather und Steve da war. Eine Con ist mehr als die Möglichkeit, den berühmten Ehrengast einmal live zu sehen. Viel mehr.

Das Essen war gut in diesem Jahr, und, das muß ich betonen, auch fast immer reichlich. Nur die Zimmer waren kalt, furchtbar kalt. Ich greife hier der Handlung vor und betone, daß jeder, wirklich jeder Conbesucher im Anschluß mit grippalen Infekten zu kämpfen hatte. Noch während ich diese Zeilen tippe, leide ich. Die drei Nächte auf der Burg waren nach meteorologischer Sicht die bis dato kältesten des Herbstes, und ich sehe wenig Anlaß, dem zu wiedersprechen.

Dann ging es schon los mit dem vollgestopften Programm. So viele wollten dieses Jahr einen Spot haben, daß einige Spots auf zwanzig Minuten begrenzt waren – so auch meiner. Aber ich war froh, ihn zu haben – dachte nämlich erst, ich bekäme keinen, weil ich schon die letzten vier Male Spots hatte, wenn auch nie Solo. Zwanzig wohlgeprobte Minuten, alles vorbereitet, alles auswendig – aber das war erst Sonntag Vormittag, und noch berichte ich über den Freitag.

Nach der Opening Ceremony – bei der ich nur Augen für Heather und ihr furioses Gegeige hatte – machte Valery Housden den Anfang. Ich bewunderte ihre Gelassenheit – im letzten Jahr sollte Lord Landless einen der ersten Spot haben, aber ich kam zu spät, Silva steckte noch im Stau, und das ganze Programm mußte umgeschmissen werden. Aber Valery setzte sich auf die Bühne und spielte, Our Way auf die Melodie von My Way, eine Filkerhymne, und ich sang mit und war ganz ergriffen. Valery war es auch, die aufbrachte, daß wer auf Deutsch singt, seine Lieder auf Englisch ankündigt, und umgekehrt – ich habe danach mal darauf geachtet, und es stimmt tatsächlich. Fast immer, zumindest.

Weiter im Programm. »Anne Rosien«, stand dort – ein neuer Name, und wir wußten nicht, wen wir erwarten sollten. Wir wissen es immer noch nicht, denn statt einer einzelnen Anne betrat ein gutes Halbdutzend Leute die Bühne. Ich erkannte nur Fiacha, allerdings noch nicht unter dem Namen – letztes Jahr war sie noch Tju. Sie spielt Gitarre. Die Band stellte sich als Òg Oran vor. Ich gebe den Namen phonetisch wieder, angeblich ist es Irisch und bedeutet »Ein Lied singen«. Dann die Mitteilung, daß sie gerade zum zweiten Mal überhaupt gemeinsam Musik machten – ich war zugegeben skeptisch. Dann sangen sie. Merseburger Zaubersprüche, mehrstimmig – ich war verzaubert und blieb es bis zum Ende ihres Spots. Das Lied von den Elementen sollte noch hervorgehoben werden – ein großartiges Lied, nur eigentlich darf man nicht sagen, daß es von den vier Elementen handelt. Es heißt nämlich Geheimnis.

Nach ihnen trat Die Kranzusch Family auf. Ich verrenkte mir den Hals – Lastalda gehört dazu, und ich hatte sie noch nirgendwo entdeckt – die steckten doch nicht etwa im Stau? Lastalda und ihre Brüder hatten eine weite Anfahrt aus dem Osten … Aber statt daß Franklin nun über das Unglück berichtet hätte, trat eine fremde Frau mit einem jungen Mann auf die Bühne. Es war Lastalda – gewandet und mit hochgesteckten Haaren. Ich hatte sie nicht erkannt. Was die Frisur ausmacht – hinterher, als ich Lastalda drauf ansprach, meinte sie, sie hätte mich auch nicht sofort wiedererkannt. Ich habe nämlich die Haare ab, und das macht auch schon eine Menge aus. Ich mußte auch zugeben, daß ich noch nicht einmal wußte, daß Lastalda überhaupt Lieder schrieb, und Gute noch dazu. Sie hatte auch einen Text von Sabine Kinder vertont. Ein schöner Spot, nur ging er nach Òg Oran, der Neuentdeckung des Cons, leider etwas unter, und Lastalda hatte mit einer Erkältung zu kämpfen. Ich beneidete sie nicht und hoffte, daß meine sich anbahnende Grippe sich zumindest Zeit bis Sonntag Mittag lassen würde.

Dann kam die erste Programmänderung. Für Kirstin Tanger kam Britta van den Boom, noch ein Name, der mir nicht wirklich etwas sagte, bis sie dann anfing zu singen. Balladen der schönsten und traurigsten Art – mir traten die Tränen in die Augen, aber es waren schon die zweiten an diesem Abend, die ersten hatte ich für das Elemente-Lied vergossen. Als ich Brittas Lieder hörte – das von den drei Steinen, das von den unglückseligen Schwestern – begriff ich, woher ich sie kannte. Nicht sie selbst – ihre Lieder. Gut darin, Stile wiederzuerkennen, begriff ich, daß sie die Verfasserin von Das Mädchen aus Stein sein mußte, einem Lied, daß Rika Körte in den vergangenen Jahren immer wieder gesungen hatte. Ich weiß Syl auf meine Vermutung hin – wohlwissend, daß Das Mädchen aus Stein zu ihren Lieblingsliedern gehört. Ihre Augen glänzten, und sie fragte »Wirklich?« Ich nickte, und sollte Recht behalten.

Und dann trat Steve auf die Bühne. Frenetischer Beifall. Steve spielte einige Akkorde, setzte ab und begann zu stimmen. Frenetischer Beifall. Steve klebte das Plektrum auf seine Stirn, um die Hände frei zu haben. Beifall, auch als er es sich später zwischen die Zähne klemmte. Der Mann kann damit sogar singen! Steve ist ein Phänomen. Egal was er tut, er sieht dabei immer cool aus und niemals lächerlich. Er hat keine Angst – weder vor der Bühne, noch vor dem Publikum, noch vor sich selbst. Zumindest keine, die man merken würde. Für den anderen Morgen war ein Performance-Workshop angekündigt, den er leiten würde, und ich begriff, daß ich dorthin mußte, egal, was das für meine Aufstehzeit bedeuten sollten … Steve war grandios. Selbst mit einer sich permanent verstimmenden Gitarre war er grandios. Er spielte eigene Lieder, aber vor allem eines blieb bei mir hängen: Grabthar’s Silver Hammer auf die Melodie des Beatles-Liedes Maxwell’s Silver Hammer. Ein Galaxy-Quest-Filk – endlich mal ein Lied zu einem Film, den ich gesehen hatte, mehrmals! Und auf eine Melodie, die ich kannte! Und wie Steve dann mit lustig verstellter Stimme die Zitate aus dem Film hintendranhing – ich konnte nicht mehr vor Lachen. »Never give up!« rief Steve, und »Never Surrender!« brüllte das Publikum. Es war dieses Lied, daß ich mir am Ende ins Wunschkonzert wünschte, und auch bekam, natürlich.

Dann hatten die Spots für diesen Tag ein Ende. Es folgte der Pokerchip-Cirkle. Bei dieser speziellen Abart des Filkzirkels hat jeder zwei Marken (in diesem Fall waren es Schokotaler), die er in den Kreis werfen kann, um sich ein Lied zu wünschen oder selber eines zu singen. Großes Gelächter über die Gierigen, die ihre Schokotaler gegessen hatten, ohne das Programmheft zu lesen – RTFM! Tania, die zu den Leidtragenden gehörte, meinte, sie könne sich ja einfach selbst in die Zirkelmitte werfen, der Chip sei ja noch in ihr drin. Mennon wußte ihr das auszureden …

Ich verpaßte den Anfang des Zirkels, weil ich noch mit Silva ein paar Lieder im Schnelldurchlauf probiert hatte, für den Fall, daß sie im Zirkel drankommen sollten, man weiß ja nie … Und ich hatte die ganze Zeit Angst, ich könne Black Unicorn verpassen, aber was mir statt dessen entging, war beinahe so schlimm, denn Franklin sang das Lied von den dämlichen Raben (»Auf einem Baum zwei Raben stolz, die warn so blöd wie ein Stück Holz«) – wie hatte ich mich darauf gefreut, diesesmal den ganzen Text lernen zu können!

Ich verpaßte auch das Ende des Zirkels. Denn als ich mich schließlich durch die Massen kämpfte – es war eine Con der Superlative, und der größte Zirkel aller Zeiten, zweireihig – und mich auf dem liebevoll von Peredar freigehaltenen Platz niederließ, begriff ich, daß ich gräßliche Kopfschmerzen hatte. Es mußt feste Gebräuche geben. Jedes Jahr seit 2001 bringt mich im ersten Filkzirkel mein Schädel um, und ich gebe irgendwann auf und gehe ins Bett. Aber diesmal war es nicht nur der Kopf – Halsschmerzen kamen dazu und Heiserkeit. Die Grippe hatte mich! Panik machte sich breit. Mein Auftritt am Sonntag! Wie sollte ich den hinter mich bringen? Schüttelfrost setzte ein. Syl half mir mit einer Kopfschmerztablette aus, und mit Wasser mit Orangengeschmack. Nur die Wirkung ließ auf sich warten …

Ich bemühte mich, den Zirkel so sehr es ging zu genießen, lachte bei Steves Pornofassung von When I was a boy – Schade nur, daß ich das Original nicht kannte, und sah, wie Heather Alexanders Rücken bei Creature of the Wood so richtig abrockte. Tolles Lied. Aber leider saß ich hinter Heather, und auch hinter Steve. Aber mir war vorher nie aufgefallen, wieviel Musik allein in einem Rücken stecken kann …

Britta sang Das Mädchen aus Stein, und ich weinte wieder – ich mache mal damit ein Geschäft auf, eine Ich-AG oder so. Ich bin rührselig veranlagt, nur daß ich keine rührseligen Sachen schreiben kann, was ich oft bedaure. Ich will, daß mein Publikum auch mal weint, und nicht vor Lachen … Die Geschäftsidee ist, man engagiert mich für Hochzeiten, Beerdigungen und so, und ich stehe am Rand und weine. Ich weiß nur nicht, wieviel man da als Stundenlohn ansetzen sollte.

Mein Pokerchips hielt ich ungenutzt und ungegessen in der Hand. Ich hatte ganz viele tolle neue Lieder im Repertoire, mit denen ich Heather und Steve und den Rest des Publikums mal so richtig beeindrucken wollte, aber in dem Moment war mir weder nach Singen noch nach vordrängeln. Aber Aryana warf ihren Chip, und sie wünschte sich ein Lied von mir: Lady Tree, ein neues Lied, daß ich auf den FilkyDays schon einmal gesungen hatte. Ich freute mich, daß sie sich daran erinnerte, und daß sie es sich gewünscht hatte, und spielte es – und es ging in die Hose, aber komplett. Ich konnte das Lied nicht auswendig, aber als ich meinen Ordner auf den Boden legte, nahm Syl ihn auf und hielt ihn, damit ich besser sehen konnte. Das Gegenteil war der Fall, denn Syl saß links von mir. Ich habe aber meine Spickzettel immer rechts, damit ich gleichzeitig sehen kann, was ich spiele (wir erinnern uns: Linkshänder!) So aber mußte ich immer hin und her schalten. Meine Stimme ließ mich im Stich, ich vergaß den Text und merkte, daß die letzte Strophe von einem losen Blatt verdeckt war. Ich ließ die Gitarre los, um das Blatt schnell wegzufegen – und das Publikum begann zu klatschen, weil alle dachten, das Lied sei schon zuende. Vor der eigentlichen Pointe! Ich spielte unverdrossen weiter, bis sich das Klatschen gelegt hatte, und hing die letzte Strophe hintendran, damit auch klar war, wie die Geschichte ausging. Wieder klatschten die Leute, aber ich war mit mir selbst mehr als unzufrieden. Da will man toll sein, und dann so was! Auch noch beim allerersten Lied!

Peredar versuchte mich aufzumuntern, in dem er meinte, Heather hätte während des ganzen Liedes mitgewippt. Es munterte mich tatsächlich auf, aber ich ergab mich dann doch meinen Kopfschmerzen und zog mich zurück, ging zu Bett, um die Grippe nicht auch noch durch Schlafentzug zu ermutigen. Zum Glück hatte ich meine Wollsocken dabei. Ich schlief gut und schnell. Niemand auf meinem Zimmer schnarchte, niemand machte beim späteren Zubettgehen Krach – ich dankte der Orga für die Zimmerbelegung. Und schlief durch bis zum anderen Morgen.