Sonntag
Und wieder erwachte ich durchgefroren, aber ausgeschlagen, und machte mich daran, ein nahrhaftes Frühstück einzunehmen. Sogar mein Lampenfieber hielt sich im Rahmen, und meine Erkältung hatte sich erfolgreich zurückdrängen lassen (auch wenn ich zu Recht ahnte, daß sie nach der Con ganz schrecklich Rache an mir nehmen würde). Ich verzog mich nach dem Frühstück mit Heather auf den oberen Flur, und wir probten The Solitude – und es klappte! Heather spielte King of the Fairies, genau wie ich es mir vergespielt hatte, und begleitete mich außerdem sehr zurückhaltend während des restlichen Liedes.
Ich war nun perfekt vorbereitet, konnte alles auswendig, die Handouts mit den Texten zum mitsingen waren gefaltet und bereit, verteilt zu werden, und ich mußte mich nur noch einsingen …
Was für ein Glück! Unmittelbar vor meinem Auftritt war das zweite Treffen des Harmony-Workshops! Wie befürchtet, wurden wir mit dem Lied nicht fertig, jedenfalls nicht so, daß wir dem ausgeklügelten Satz und Yooh Ehre erwiesen hätten. Aber als die Stunde vorüber war, konnte ich ohne keuchen jeden Ton treffen, den ich wollte, und damit war für mich alles in Ordnung. Anke war so lieb, meine Flyer zu verteilen, während ich kurz mit Keris, dem Techie, besprach, was ich alles auf der Bühne haben würde und welche Micros ich brauchte – und dann saß ich dort, in meinem grünen Kleid, mit meiner neuen Brosche vor dem Herzen und einem warmen Umschlagtuch um die Schultern, mit warmen Socken an den Füßen (sie waren sehr, sehr rot, und ich trug keine Schuhe – aber es ist offenbar niemandem aufgefallen) und sah zu, wie sich das Publikum füllte … und füllte … und füllte. Es war ein erhebender Anblick. Franklin kündigte mich an, und die Leute klatschten, und niemand verließ den Raum. Dann war ich dran. »Hello, my name is Thesilée. You’ve come to my spot. Prepare to die.«
Die Ansage hatte ich mir am Abend davor ausgedacht, und ich werde sie von nun an immer benutzen, denn ich habe immer Lieder dabei, in denen es um Tod geht. Diesmal sollten es sogar zwei sein: Ein Totentanz am Anfang und Drink to the Stars als Schlußlied. Das Publikum war klasse! Die Leute kapierten, daß die Textblätter zum Mitsingen gedacht waren, und vom ersten Lied an hatte ich einen Chor vor mir sitzen. Daffodil the Highwayfairy, das witzigste Lied im Spot, kam gut an, und dann folgte der Höhepunkt. Ich bat »zwei der besten rothaarigen Filkerinnen« auf die Bühne, und da waren Crystal und Heather mit Flöte und Geige, und wir spielten das Lied zusammen, und ich verspielte mich nicht und war so glücklich wie noch nie während eines Auftritts. Ich erwähnte nicht, daß wir noch nie zu dritt auch nur geprobt hatten (ich finde, es geht das Publikum nichts an, ob und wieviel geprobt wurde – wenn es nicht gut läuft, merken die Leute das auch so, aber warum sich im Vorfeld entschuldigen? Dann kann man es auch ganz lassen). Kurzer Blick auf das Publikum – es war noch immer niemand gegangen. Gut. Doch dann machte Franklin die gefürchtete Geste: Eins. Noch ein Lied. Ich hatte noch zwei geplant, aber da konnte man nichts machen, Drink to the Stars konnte ich immer noch im Zirkel singen, und so beendete ich meinen Spot mit Let me be your Mirror, einem meiner wenigen Liebeslieder und einem der bösestens, das ich jemals geschrieben habe. Ich liebe es sehr, und es kam auch gut an – alles in allem glaube ich, das einzige Lied, das etwas untergegangen ist, war der Totentanz, aber ich wollte gerne zumindest ein deutsches Lied im Spot haben.
Und dann nahm ich meine Gitarre, bedankte mich für den Applaus, verbeugte mich und setzte mich glücklich und zufrieden ins Publikum, um die Bühne für Jela zu räumen. Auch das war eine Premiere: Normalerweise fliehe ich nach einem Auftritt auf mein Zimmer, um erstmal meine Nerven wieder zu beruhigen, aber diesmal ging es mir gut genug, um zu bleiben. Auch wenn ich noch zu sehr durch den Wind war, um viel von Jelas Spot mnirzubekommen – sie sang zusammen mit Dreamer ein Lied, ich glaube von Leslie Fish, parallel auf Deutsch und Englisch, und am Ende holte sie alle von den Sitzen, als sie auf die Melodie von High on Emotion ein Lied über die Filkfund-Auktion sang: High on the Auction. Am Abend zuvor hatte sie einen Abend mit Heather ersteigert und … einen Bund Heidekraut in Empfang genommen.
Dann kam Sib. Sib gehört zu den Filkern, die ernsthafte Lieder ebenso wie zum Brüllen komische schreiben und darunter leiden, daß die Leute immer und immer und immer nur die komischen hören wollen, aber ich muß zugeben, daß auch ich mehr ein Fan von Rich me your poor und dem Penguin Matchmaking Song bin. Dieses Jahr aber hatte sie etwas ganz besonderes vorbereitet: Eine Kurzfassung von Star Wars: A New Hope. Prosa, kein Gesang, unter Einbeziehung des Publikums (wir durften Lichtschwert- und Blastergeräusche imitieren). Für die einzelnen Rollen hatte sie typische Utensilien mitgebracht, die sie hochhielt oder anzog, um zu zeigen, wer sprach: Mini-Lichtschwert für Luke, Große Kopfhörer für Leia, einen Hundenapf, den sie sich auf den Kopf setzte, um R2D2 darzustellen, oder eine Kapuze für Obi Wan … Am Ende lagen wir alle mehr unter den Sitzen, als daß wir darauf saßen. Da muß man erstmal drauf kommen!
Nach dem Mittagessen – bei dem ich mir endlich die Zeit nehmen konnte, mich bei Heather und Crystal zu bedanken, ohne die mein Spot nur halb so schön geworden wäre – ging es auch schon weiter im Programm. Die Milchstraßenstreuner, eine Band, die Silva bei einem Liedermacherfestival aufgetan hat und die zu jenen gehörten, die jahrelang Filk machen, ohne es zu wissen, waren mal wieder nicht vollständig erschienen. Waren auf den Filky Days nur Sängerin Silke und der Schlagzeuger erschienen, hatte Silke diesmal zum ausgleich Gitarre und Keyboard mitgebracht, aber das Schlagzeug zu Hause gelassen … Ob die Beatles oder Abba auch solche Probleme bei der Terminabsprache hatten? Wenn man die Milchstraßenstreuner musikalisch einordnen will, drängt sich das Wort Kuschelfilk auf – Silkes sanfte, leicht rauchige Stimme klingt ein bißchen so, wie wenn Nena Filkerin geworden wäre. Sie singen auf Deutsch. Bei einem Lied hingen alle Augen auf dem Keyboarder (Svante oder Sven, ich weiß nicht mehr genau, wer nun wer war), der in sich irrsinnig steigerndem Tempo einen Instrumentalteil spielte. Auch ich war voll der Bewunderung – bis ich merkte, daß der andere (Sven oder Svante) ihn dabei die ganze Zeit auf der E-Gitarre begleitete. Danach wußte ich, wem mein Beifall galt …
Daß ich auch diesmal wieder in der ersten Reihe saß, lag an dem nun kommenden Spot – Kirstin hatte angekündigt, Castle of Grey zu spielen, ein Lied, dessen Text von mir stammt. Ich hatte es bislang nur einmal gehört und war begeistert (und wußte gleichzeitig, daß ich es nie würde spielen können …), aber die Aussicht einer dreistimmigen Darbietung (durch Kirstin, Yooh und die omnipräsente Crystal) gab mir endgültig den Rest. *seufz* Es war wunderschön. Ich werde Kirstin noch ganz viele Texte zum Vertonen geben … Kistin brachte noch ein weiteres Liedlingslied von mir, Forever Knight, das sie zusammen mit Yooh und Katy sang. Während des Spots begleitete Volker sie, unter anderem mit E-Bass und einem seltsamen Tablett, das sich als Elektrisches Schlagzeug herausstellte. Es war schön, daß Kirstin neben der ganzen Arbeit als Con-Orga noch Zeit hatte, diesen Spot zu machen – ich höre sie furchtbar gerne singen.
Nach Forever Knight verließen Yooh und Katy die Bühne, nur um sie sofort wieder zu betreten – den nun war ihr eigener Spot dran. Die beiden gehören jedes Jahr aufs Neue zu meinen absoluten Highlights, ob sie nun im Hauptkonzert spielen oder – wie in diesem Jahr – ihren eigenen Spot machen. Nachdem ich mir 1999 schon das Ziel gesetzt hatte, Lieder zu schreiben wie Leslie Fish, kam 2000 dann der Wunsch, so zu sein wie Yooh und Katy – ich habe, gereift, beide Wünsche inzwischen aufgegeben und versuche lieber, meine eigenen Sachen zu machen, aber trotzdem sitze ich jedesmal heulend und sabbernd da, wenn die beiden auftreten. Diesmal heulend und sabbernd in der ersten Reihe – daß sie spielen konnten, ohne einen Lachanfall zu bekommen, rechne ich ihnen hoch an. Sie waren dieses Jahr zum zweiten Mal mit Thousand Ships als bestes Lied für den Pegasus-Award nominiert, und nachdem sie ihn nun auch zum zweiten Mal nicht gewonnen haben, werde ich sie wohl für nächstes Jahr wieder vorschlagen, es wäre doch gelacht, wenn sie ihn nicht endlich einmal bekommen, verdient haben sie ihn jedenfalls! Yooh machte fleißig Reklame für ihr Buch – sie hat es auf Englisch geschrieben und ist nun auf der Suche nach einem Agenten, um es in Amerika auf den Markt zu bringen, und wenn ich sehe, wie der deutsche Buchmarkt mit Phantastischer Literatur umgeht, kann ich es nur allzu gut verstehen. Einige der Lieder – ich weiß nur nicht mehr welche – basieren auf Yoohs eigenen Geschichten, und ich bedaure, den Roman noch nicht gelesen zu haben. Und ich wünschte, ich hätte Love Poisoning (das Schneckenschleimlied) geschrieben, denn als sie es sangen, merkte ich, daß ich die Melodie für Lady Tree allzu stark daran angelehnt hatte … ich werde mich wohl bei den beiden entschuldigen müssen, bevor es jemandem auffällt.
Und als hätte das noch nicht gereicht, kam nun Heathers zweiter Spot, fulminant wie der erste. Sie stellte sich schüchtern und höflich vor, so wie sie es in Steves Selbsthilfegruppe gelernt hatte, und erklärte uns dann mit stockender Stimme, warum sie keltische Folkmusik macht: Nicht, weil sie rote Haare hat, und nicht, weil der Whiskey so gut ist – »It’s all about me«, und zwar diesmal wörtlich. Denn jedes zweite irische und schottische Lied besingt ein bescheidenes rosa Blümchen: Das Heidekraut, englisch Heather. Heather on the Moor sang sie als Beweis, und ich faßte mir ergriffen an die Brust, wenn auch mehr, um nachzusehen, ob noch etwas von meinem Heidekraut da war, denn in diesem Jahr waren alle Conbadges mit einem rosa Zweiglein versehen, was leider nur eine begrenzte Haltbarkeit hatte. Immerhin, ich konnte einen Rest von meinem retten. Heather sang später noch einmal Creature of the Wood, und nachdem ich sie nun dabei von vorne sah (und sie so richtig abrockte) ist es mein neues Lieblingslied geworden. Heathers Mann, Phil Obermarck, hat es geschrieben – ich hoffe inständig, daß Peredar auch einmal sowas macht …
Auf dem Plan stand nun »Wunschkonzert mit Chor-Performance«, aber wir verzichteten auf Letzteres, da der Chor wirklich nicht weit genug war, nachdem Yooh uns versprochen hatte, das Lied im nächsten Jahr noch einmal anzubieten. Ich werde meine Stimme bis dahin fleißig üben, denn wenn es richtig klappt, ist es ein wunderwunderschöner Song. Dadurch war im Wunschkonzert mehr Platz für andere Lieder, und all meine Wünsche gingen in Erfüllung: Unter anderem sangen Òg Oran das Elemente-Lied, Steve sang Grabthar’s Silver Hammer, und am Ende wiederholten Crystal und Eva Die Puppen. Dazwischen durfte auch ich noch einmal auf die Bühne – mit Drink to the Stars, was mich zutiefst freute, aber auch verwirrte – denn niemand kannte das Lied, die Leute hatten es sich nur gewünscht, weil es auf meinem Handout stand. Ich beschloß, von nun an jedes Jahr eine Liste mit Überlänge auszuteilen – so kann man sich ins Wunschkonzert katapultieren!
Als die Closing Ceremony begann, heulte ich immer noch vom Puppen-Lied, und heulte weiter, weil nun das Ende des Cons eingeläutet wurde. Was half es, daß man sich nun für’s nächste Jahr anmelden konnte? Was nutzte das Wissen, im nächsten Jahr Cosmic Trifle als Ehrengast zu haben – ich wollte, daß dieses Jahr weiterging! Aber etwas versüßte mir die Aussicht, ein Jahr bis zur nächsten Con warten zu müssen: Heather hat es nämlich so gut gefallen, daß sie gerne wiederkommen würde. Da sie aber Berufsmusikerin ist und von irgend etwas leben muß, ginge ein zweiter FilkContinental für sie nur in Kombination mit einer Deutschlandtournee. Franklin bot an, bei der Organisation zu helfen, und bat uns alle, nach geeigneten Locations für einen Heather-Gig zu suchen. Und wenn es eine Folkstadt in Deutschland ist, dann doch Münster! Heather bedankte sich noch einmal für ein schönes Wochendende, wir bedankten uns für Heathers Anwesenheit, und sie sang ein Lied über die heidekrautverzierten Conbadges und die nun überall in der Burg herumfliegenden rosa Kügelchen: Heather on the Floor; und so endete die Closing Ceremony für mich doch noch mit einem Lachen.
Während des Abendessens begann The Long Goodbye, der Große Abschied, denn nich alle konnten wie wir bis zum Montagmorgen bleiben. Aryana und die restlichen Borgs verließen uns, und auch mein Zimmer war plötzlich ganz kalt und leer, den Beara, Bredhya und Wolfsoul fuhren ebenfalls ab. Ich dachte schon, es wäre niemand mehr übrig, als wir uns in den Rittersaal setzten, um den Dead Dog Circle zu zelebrieren, doch es waren noch immer genug Leute da – wir, Crystal, Christine, die J’s, Silva und Kjenjo, Esteban, Heather … und nur einige zu nennen. Der Zirkel begann zwar chaotisch, wechselte aber zu meiner großen Freude bald auf bardic um – sprich, es geht reihum, und wer dran ist, darf etwas spielen oder sich ein Lied wünschen, oder passen. Ich habe zwar inzwischen gelernt, mich vorzudrängeln und auch im Chaoszirkel viele Lieder unters Volk zu bringen, mehr als ich im Bardic Circle könnte, aber es ist einfach ein besseres Gefühl, wenn niemand untergebuttert wird. Chaoszirkel ist immer eine reine Ellebogengesellschaft.
Aber der Zirkel war nicht wirklich wach. Man war traurig und müde, hatte schon zu vielen Leuten Lebwohl gesagt, einige trauten sich nicht, etwas zu singen, aus Angst, nicht gut genug zu sein – und dann sang Heather den March of Cambreadth und wies uns an, den Chorus laut mitzusingen. Heather sang die erste Strophe, und wir klatschten mit, und einige riefen zögerlich »How many of them can we make die?« Heather brach ab, schaute uns entgeistert an – sie hatte noch nie einen derart kläglichen Chorus für dieses martialische Lied gehört. Wir versuchten es noch einmal, stampfend, brüllend »How many of them can we make die?« Und lauter. Und lauter. Der Fußboden bebte. Mir tat der Hals weh. Ich war begeistert – außer Atmen, aber begeistert. Und alle waren wach, und alle waren mutig. Ich habe später einen Filk dazu geschrieben: Filkers of Cambreadth, mit dem Chorus »How many of you are too damn shy?«
Der Zirkel ging um und um, und ich hatte noch immer kein Lied gesungen von den vielen vielen, die ich noch singen wollte. Und irgendwann war dann endlich die Reihe an mir, und nach dem ich lange hin und her überlegt hatte, welches meiner Lieder denn nun folgen sollte, sagte ich »Ich wünsche mir Black Unicorn von Heather.« Und sie sang es. Es war ein toller Moment – nicht nur, weil ich das Lied liebe. Es war mehr diese Erkenntnis: Singen kann ich meine Lieder immer und überall, aber all diese anderen Lieder kann ich nur hier hören … Ich sang dann doch noch ein Lied, weil Peredar wohl meine Gedanken gelesen hatte und wußte, daß ich auch ein Lied über ein andersartiges Einhorn geschrieben hatte, und wünschte sich Unicorn?, aber ich hoffe, niemand hat es für Kalkül oder einen PR-Gag gehalten.
Der Zirkel dauerte bis weit nach Mitternacht, bis ich dann irgendwann zu Bett ging, schweren Herzens, aber am anderen Morgen mußten wir früh raus, um die Zimmer zu räumen.
