Samstag
Müde. Kalt. Willnichaufstehn. Bettsowarm … Objektiv gesehen, begann dieser Tag wie alle anderen. Nur nicht wie ein normaler Contag, denn ich stand tatsächlich auf, noch während das Frühstück serviert wurde. Und alles nur wegen Steve! Denn im Programm war angekündigt: Workshop: Performance (Steve). 9:30.
9:30! Zu dieser nachtschlafenden Stunde! Aber da ich ja am Vorabend wahrlich früh schlafen gegangen war, brachte ich es fertig, mit wacher Miene an Peredars Seite im großen Stuhlkreis zu sitzen. An meiner anderen Seite: Der Meister persönlich. Sehr persönlich … Dieser Workshop handelte nicht davon, wie man auf einer Bühne Cool aussieht (und vielleicht einmal nicht ganz so gräßlich auf den Fotos). Es ging nicht um Tanzen, und auch nicht darum, sich ein Plektrum auf die Stirn zu kleben. Es ging um Selbstbewußtsein. Wir mußten uns eingestehen, warum wir uns mit unserer Musik auf eine Bühne setzen wollen: Aus Eigensucht. »It’s all about ME«, lautete das Motto, und irgendwann auch die Erkenntnis. Nicht nur, um bejubelt zu werden – um gemocht zu werden. Geliebt. Es war ein sehr persönlicher Wirkshop, und ich habe mir viel davon mitgenommen, mehr, als in diesen Bericht paßt. Es tat gut, daß andere das gleiche Problem haben – oder hatten – wie ich, selbst Leute wie Steve Macdonald und Heather Alexander …
Aber zum Erholen und Reflektieren blieb nicht viel Zeit, denn schon ging es im Eilschritt weiter zum nächsten Workshop: Harmony! Diesmal hatte Yooh Ruby Wine von Cynthiua McQuillin vierstimmig arrangiert, und holla! hatte sie es arrangiert! Ich setzte mich zu den Altistinnen, da schon genug Soprane da waren – aus alten Unichorzeiten schlägt mein Herz immer auf Seite des Alts, ewig vom Schmettersopran niedergesungen … Diese Entscheidung habe ich während der beiden Harmony-Sitzungen noch mehrfach bereut. Die Soprane hatten die deutlich einfachere Stimme – sie sangen nämlich überwiegend die Melodie. Der Alt dagegen … tolles Arrangement, kein Zweifel, aber die Altistinnen hatten doch ihre Probleme, die zeitversetzten Einsätze zu treffen, und dann noch auf dem richtigen Ton. Den Bässen hinter uns – dort brummelten Peredar, Rafael und Franklin – ging es ähnlich. So hatten wir bald die Stunde um, aber noch lange nicht die Hälfte des Liedes geschafft.
Schon drängte die nächste Band auf die Bühne. GeBORGt als »Die Band von Aryana und den Kinders« zu bezeichnen, wäre gemein, gegenüber Jan-Hendrik und Sandra, die es nicht verdient haben, unter den Tisch gekehrt zu werden. Aber das wird nach diesem Mal wohl auch niemand mehr machen. Die geBORGten Lieder waren teils traurig-schön, teils sentimental – aber wieder blieb das Witzige bei mir am besten hängen: Jan-Hendriks erster eigener Song Blut soll es sein (auf die Melodie von Griechischer Wein, zum Mitschunkeln und -singen) und eine Hymne auf das Kreuz eines jeden Rollenspielers, den gewürfelten Patzer, die Eins. Vor allem der Refrain war eingängig: »Njänjänjä njää njää, nä njä nä njäää …« Es will und will nicht aus meinem Kopf. Aus meinen Würfeln leider auch nicht …
Dann das Essen, wieder eine erfreuliche Verbesserung im Vergleich zu den Vorjahren, und Zeit zum Ausruhen. Auf die betronischen Tänze und das Feuerspucker verzichtete ich (obwohl letzteres bei der Kälte einiges für sich zu haben schien), denn schon um halb drei ging es mit den Spots weiter, und ich hatte mir geschworen, keinen zu verpassen.
Es begann mit C.J.s Spot, C.J.s ersten Spot, und sie hatte mit der Zeit wirklich Pech. Denn viele hatten noch nicht realisiert, daß wieder Spot-Zeit war, und trudelten nach und nach ein, daß die arme C.J. vor leeren Stühlen anfangen mußte. Spätestens bei Debbie’s Pet aber war das Publikum in eine große, laut mitgrölende Menge angewachsen, und das durch Gänge, Mark und Bein hallende vielstimmige »Feed me, feed me, feed me« lockte auch noch den Rest der Crew ins Musikzimmer. Ich bewunderte C.J.s Fortschritte und bedauerte wieder einmal, für Mediafilk schlecht geeignet zu sein – denn ich hatte weder den Film Alien gesehen, noch die Serie Smallville. Weswegen Debbies Pet mein Favorit in ihrem Spot blieb.
Auftritt Kjenjo und Silva. Aufgeregte Spannung meinerseits. Von Silvas Auftritt machte ich den Erfolg meines eigenen Spots abhängig – wollten die Leute einen halben Lord Landless überhaupt sehen? Antwort: Ja, zumindest soweit es die Hälfte Silva betraf. Sie sangen Pfadfinderlieder aus Kjenjos Repertoire, wunderschön harmonisch zweistimmig, und Adraan and Ashanda, ein Lied von Silva, das sie einmal mit mir ausprobiert hat. Da Kjenjo aber wunderschön sang, bedauerte ich es nicht, ausgetauscht worden zu sein. Und dann kam Uran im Urin, ein Lied, das ich in der Neuen Deutschen Welle verpaßt hatte, aber vielleicht hatten die es damals nicht so lustig rübergebracht. Kjenjo sang und schrammelte, daß es eine Freude war, und Silva veranstaltete gleichzeitig lustige Hupfdohlenaerobic mit zwei bunten Glühstäben … stimmt, sie war ja auch in Steves Workshop.
Szenenwechsel. Petra Jörns, schwer erkältet und nach eigener Auskunft angeschlagen, meisterte ihren Spot. Sie war mir in erster Linie als Autorin bekannt, ich hatte es in den letzten Jahren immer geschafft, ihren Spot zu verpassen – nun saß ich gespannt im Publikum und stellte fasziniert fest, daß sie offenbar selbst mit Grippe noch einen Sopran hinlegen kann, auf den ich neidisch wäre. Und dann sang sie Hester Jonas – eine Ballade über eine Frau, die Utopien erträumt und als Hexe hingerichtet wird. Mit fünfzehn hatte ich mich an dem Lied versucht, sogar noch eine »aussagekräftige« neue Strophe hinzugetextet … Ich begann während der ersten drei Takte zu weinen, und am Ende mußte ich mir auf die Hand beißen, um nicht laut loszuheulen. Petra war ganz erstaunt, als ich ihr das später erzählte, und gerührt – als ob andere nicht bei dem Lied geweint hätten! Haben sie! Ich kann’s beschwören!
Meine Tränen versiegten, als Franklin zur Auktion rief. Ich hatte erstmalig selbst etwas gespendet, einige Bücher (und sie, als die Con vorbei war, unverkauft wieder mitgenommen – aber ich hab’s zumindest versucht!). Ich ersteigerte einen lustigen Wecker in Form einer Kuh, der mit eingebautem Mikroprozessor lustige Midis trällerte, allen voran Lambada – ich mußte meinen Zimmergenossinen versprechen, die Batterien erst wieder nach der Con einzusetzen, so entsetzlich war der Klang, genau richtig für eine Langschläferin wie mich. Peredar erstand mir eine wunderschöne geschnitzte Brosche mit einem grünen Stein, die mir während des Spots Glück bringen sollte. Wie geschaffen für mein traditionsreiches grünes Kleid, und ich verwarf den Gedanken, erstmals in Jeans auftreten zu wollen. Doch ich kam nicht mehr dazu, für Jelas seidenen Rock zu bieten – denn nun blühten Franklin und Smac auf und begannen, sich hochzubieten – nicht, um den Rock selbst zu bekommen, sondern damit der jeweils andere damit herumlaufen mußte. Am Ende ersteigerte ihn Steve für Franklin, auch wenn ich gestehen muß, daß die rosa Seide zu Steves langen goldenen Haaren irgendwie harmonischer wirkte.
Hauptkonzert … ich wunderte mich, daß überhaupt noch jemand fürs Hauptkonzert übrig war, bei der Menge an Spots, aber es gab ein Hauptkonzert, und ein schönes. Allerdings erinnere ich mich – neben Christine Hintermeyers grandiosen Pirates of the Carribean-song, der bestimmt zu den Highlights den Con zählt – hauptsächlich noch an The Shaking of the Sheets, einen meiner Lieblings-Totentänze, den ich um ein Haar selbst in meinen Spot aufgeonmmen hätte, und an Kathy Sands’ Fellowship going South-Variante, die von ihrer Heimreise von der letzten Con berichtete … Vielleicht hilft Kristin mir auf die Sprünge, wenn sie die Playlist hochlädt. Sonst muß ich wohl gestehen, alles genossen zu haben, aber den Anfang des Hauptkonzertes verpaßt. Meine Erinnerung setzt ein mit Pug und Shaya und einem Instrumentalstück, und mir, die ganz leise die Tür zuzieht … soll ein einmaliger Ausrutscher geblieben sein.
Nach dem Abendessen betrachtete ich die Vorführung der Feuerspucker durch die Fenster des Rittersaales – mir war zu kalt, um einen Schritt vor die Tür zu setzen, und ich wollte mir noch gute Plätze für den Summer and Fall-Spot sichern können. Denn hinter diesem Namen verbergen sich Eva Wiest (Summer) und Crystal (Fall). Und sie sind zur Zeit mit das Beste, was das deutsche Filktum zu bieten hat. Über ihren Spot ließe sich ein eigener Bericht schreiben, ich will daher versuchen, meine Begeisterung kurz zu fassen: Ich war begeistert! Oder, falls es doch ausführlicher sein soll, hier eine Aufzählung der verwendeten Instrumente: Gitarre, E-gitarre, E-Bass (gespielt von Rafael alias Winter), Saxophon, E-Piano, Glockenspiel, Flöte, Glasharfe … und Stimme. Meine Favoriten waren der Siren-Song und natürlich Die Puppen, wobei ich wieder herzergreifend zu heulen begann. Diesmal in der ersten Reihe, und Crystal sah es, und sie lächelte … Ich habe drei Taschentücher verbraucht, und dabei hatten die beiden doch vorher angekündigt, dieses Jahr wäre nichts zum Heulen dabei (letztes Jahr hatten sie noch Kleenex-Boxen aufgestellt). Das Publikum tobte vor Begeisterung und wollte sich gar nicht mehr einkriegen. Summer and Fall (und Winter) gaben eine Zugabe, bei der Eva mal eben einen vierstimmigen Klaviersatz dahinplätscherte (darauf wies mich Peredar hin – ich als Nicht-Klavierspielerin habe kein Auge und Ohr für sowas). Trotz Überziehung war der Spot zu kurz, viel zu kurz.
Dann kam Fiacha, und sie litt sichtlich unter dem schweren Startplatz – eingekeilt zwischen Summer and Fall und Heather Alexander, wer will da auftreten müssen? Aber au contraire, der Startplatz war gut gewählt – Fiachas sanfte, ruhige Lieder paßten perfekt zur Stimmung des Publikums, und es ist beileibe nicht böse gemeint, daß ich ihren Spot als Erholung für Herz und Kreislauf nutzte. Außerdem darf Fiacha sich nicht beschweren – sie war mit einem eigenen ‘Fanclub‘ angereist, der ihr überhaupt erst ermöglicht hatte, zur Freusburg zu kommen, nachdem ihr Auto kostspielig kaputtgegangen war – solche Freunde will ich auch einmal haben! Fiachas Lieder haben einen mystischen Hintergrund, am besten gefiel mir Der verlorene Name. Sie sang auch ein Lied aus dem Roman Das letzte Einhorn – und zwar eines, das ich vor Jahren auch einmal vertont hatte. Ich fand es nur schade, daß sie den Text aus der deutschen Ausgabe sang, denn der holpert stark im Vergleich zum Original. Aber wie sie es spielte – im Dunkeln, mit einer Kerze und einer Kristallkugel … Sie hatte wahrlich keinen Grund, sich für ihren Auftritt zu entschuldigen. Und sie tat es danach auch nicht mehr.
Nach ihr der Ehrengast: Heather Alexander. Zunächst sollte ich vielleicht erwähnen, daß ich während Heathers Spot keine einzige Träne geweint habe. Aber ich habe mich heister gekrischen, blutig geklatscht und mir beim Headbanging den Nacken verrenkt. Ich habe im Leben noch nie geheadgebangt; es war eine völlig neue Erfahrung für mich, aber in dem Moment mußte es sein. Und daß ich bei den Standing Ovations am Schluß nicht auf meinen Stuhl gestiegen bin, ist allein meiner Feigheit zu verdanken, nächstes Jahr tue ich es, garantiert … Heather ist nicht nur eine wundervolle Musikerin. Sie kann auch toll erzählen. Zu fast jedem Lied gab es eine kleine oder größere Geschichte, und obwohl ich es normalerweise immer etwas nervig finde, wenn die Leute ihre Lieder mit einem großen Sermon ankündigen – hier habe ich nur gierig an Heathers Lippen gehangen. Wann hat mich zuletzt ein Ehrengast dermaßen in den Bann geschlagen? Es muß Leslie Fish 1999 gewesen sein, aber dies hier war noch großartiger – immerhin saß ich in der ersten Reihe.
Heather ist immer in Bewegung, wenn sie Musik macht – nicht nur fliegt ihr Arm beim Geigen, ihr ganzer Körper ist Musik. Sie spiel alles auswendig, aber dafür sagt man auf Englisch by heart, und das paßt besser. Sie sagte später, sie mag keine Fotos von sich, weil sie da immer so statisch aussieht. Ich verstehe, was sie meint. Man kann Heather weder in Worte noch in Fotos zwängen. Ich hörte sie, und es war um mich geschehen. Wie sie geigte! Nach Fairy Queen (The Devil went down to Limerick) begann ich, mir Mut zuzusprechen, den meine Entscheidung war getroffen: Ich würde Heather nach ihrem Spot fragen, ob sie mich im meinem begleiten würde. Ich hatte ein Lied geschrieben, The Solitude, dessen Melodie auf einem irischen Fiddledance basierte, King of the Fairies, und ich hatte vor, diesen Tanz als Instrumental Outro zu spielen. Aber das gehörte gegeigt, nicht mit Gitarre … Für das Lied hatte ich bereits Crystal gewonnen, Flöte und Gesang, aber wenn ich auch noch Heather dabei hätte …
Als der Spot vorbei war, ging ich hin und fragte sie. Klopfenden Herzens. Wie das Kaninchen vor der Schlange stand ich da und fragte sie, ob ich dreist sein dürfe. Und als sie es mir erlaubte, fragte ich »Kannst du King of the Fairies in A-Moll spielen?« Dann erklärte ich ihr, was ich wirklich von ihr wollte. Und sie sagte … ja.
Ich schwebte zurück in mein Zimmer. Immerhin hatte Heather noch gar nichts von mir gehört als das verkorkste Lied im Zirkel, aber – sie wollte es versuchen! Mit mir! In meinem Spot! Während die Zirkel tobten und die Tangers und geBORGt ihre CDs vorstellten, saß ich auf meinem Bett und übte und übte. Ich wollte auch auswendig spielen; ich war es leid, immer hinter einem riesigen Notenständer verborgen zu spielen, und dazu gehört: Übung. Drei oder viermal spielte ich das komplette Programm durch, achtete darauf, schnell genug zu sein, denn ich wollte in den zwanzig Minuten alle fünf Stücke schaffen, und war doch sehr zufrieden mit meiner Leistung.
Später verschlug es mich zusammen mit meinen Mitfüchsinnen für eine stunde oder so in den Golden Oldie Circle, aber dort war nicht wirklich viel los, und ich ging wieder früh schlafen, denn mein Spot war der erste am nächsten Morgen.
