bookmark_borderMein Bruder

Mein Bruder, mein Bruder, was lächelst du nicht?
Mein Bruder, mein Bruder, so starr dein Gesicht!
Mein Bruder, mein Bruder, ich lieb dich so sehr –
Doch wärst du am Leben, ich liebte dich mehr.

Mein Vater hat mir einen Bruder geschenkt,
den lieb ich, egal was die Welt von ihm denkt.
Der regt nie die Hände, der schweigt immer still,
doch nie einen anderen Bruder ich will.

Die Haut meines Bruders ist Leder, so weich,
sein kunstvoll gemaltes Antlitz bleibt bleich.
Ganz fein sind die Stiche, man sieht keine Naht –
Im Innern sind Rädchen und Schrauben und Draht.

Mein Bruder, mein Bruder, was lächelst du nicht?
Mein Bruder, mein Bruder, so starr dein Gesicht!
Mein Bruder, mein Bruder, ich lieb dich so sehr –
Doch wärst du am Leben, ich liebte dich mehr.

Nur Zauber kann helfen, daß mein Bruder lebt,
und so wird das mächtigste Spruchwerk gewebt.
Da rührt er die Beine, die Arme, den Rumpf –
bewegt sich und spricht, doch die Seele bleibt stumpf.

Er kennt keine Freude, er kennt keinen Schmerz,
ist er nun ein Mensch, oder hat er kein Herz?
Und das, was er redet, ist garstig gemein,
doch ist er mein Bruder, und wird es stets sein.
Weiterlesen

bookmark_borderFion und Davy

Zwei Brüder erbauten ein Haus sich aus Stein
in den Bergen so hoch, in den Bergen so kalt.
Der eine saß nachts mit den Büchern allein,
der andre saß unten mit Freunden beim Wein,
und wenn dort ein Kind lacht, so wird es nicht alt.

Herr Fion war finster, so schwarz wie die Nacht
in den Bergen so hoch, in den Bergen so kalt.
Es dürstet sein Herz nach verstohlener Macht,
und niemand sah jemals, dass er mal gelacht,
und wenn dort ein Kind lacht, so wird es nicht alt.

Herr Davy war froh und so hell wie der Mond
in den Bergen so hoch, in den Bergen so kalt.
Er hat auf der Jagd keine Gemse verschont
und hätte am Liebsten im Wirtshaus gewohnt,
und wenn dort ein Kind lacht, so wird es nicht alt.

Doch eins hatten beide im Herzen gemein,
in den Bergen so hoch, in den Bergen so kalt.
Jung Lioba sollte die ihrige sein,
und jeder sprach bei sich: »Ach, wär sie doch mein!«
Und wenn dort ein Kind lacht, so wird es nicht alt.

Einst ritt Junker Davy hinaus auf die Jagd
in den Bergen so hoch, in den Bergen so kalt.
Er hat seinem Bruder Lebwohl nicht gesagt,
und der hat nicht nach seiner Rückkehr gefragt.… Weiterlesen